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02.05.2018
Länder- und Branchenbewertungen, Spezial

„Komplexe Gemengelage“

Berichte-vom-Kongress-Länderrisiken-2018-von-Coface

Die möglichen Folgen des Brexit für die deutsche Wirtschaft und die Geschäftssausichten für deutsche Unternehmen war Thema einer Talkrunde beim Kongress Länderrisiken von Coface in Mainz. Im Anschluss an die Keynote von Dirk H. Kranen, der einen Überblick über den Status Quo der Austrittsverhandlungen gegeben hatte (Zur Keynote!), diskutierten Wolfgang Becker (Geschäftsführer der IHT Industrie- und Handels-Treuhand GmbH), Dr. Engelbert J. Günster (Präsident der IHK für Rheinhessen, Dirk H. Kranen (Referatsleiter, Bundesministerium der Finanzen) und Dr. Christoph Riechmann (Director, Frontier Economics Limited) mit Moderator Carsten Knop (Chefredakteur Digitale Produkte der FAZ).

Glücklich oder sorglos zeigte sich erwartungsgemäß keiner der Diskussionsteilnehmer bezüglich des Brexit. Engelbert Günster fürchtet, dass der Austritt eine Signalwirkung auf weitere Länder haben könnte: „Osteuropäische Staaten beobachten das, Griechenland auch.“ In der sehr „komplexen Gemengelage“ stelle sich unter anderem auch die Frage, ob beispielsweise China in diese und mögliche weiter Lücken vorstoßen werde. Eine Gefahr bestehe darin, dass andere Staaten auch mit dem Rosinenpicken beginnen könnten, falls die EU das Großbritannien gestatte, sagte Christoph Riechmann. Der Wert des Binnenmarktes ergebe sich aus seiner Größe und seinen Regeln. Die Zusammenarbeit sei enger als zwischen den Staaten der USA. „Die Alternativen sind sehr riskant“, sagte der Consultant. „Wenn das Gebäude bröckelt, wird der Wohlstand leiden. Das Gebilde wird auch nicht mehr replizierbar sein.“

Antizyklisch verhält sich die Gesellschaft von Wolfgang Becker. Der Zentralregulierer von Musterhaus Küchen ist seit Anfang dieses Jahres dabei, in Großbritannien eine Verbandsstruktur aufzubauen. Zwar werde Großbritannien den Brexit durchziehen: „Die können nicht mehr zurück.“ Auf dem Markt werde sich aber alles Weitere einspielen. „Digitalisierung und Abschottung, das funktioniert nicht“, nannte Wolfgang Becker ein Thema, bei dem die Politik den Widerspruch noch erkennen werde. „Und die Politik in Großbritannien wird es auch schwer haben, den eigenen jungen Leuten die Probleme zu erklären.“

„Heißt das, dass Großbritannien die selbst gezogenen roten Linien doch noch ausradieren muss?“, fragte Carsten Knop mit Bezug auf die von Dirk H. Kranen zuvor in der Keynote genannten Probleme für eine Folgevereinbarung mit der EU. „Genau das ist die innenpolitische Diskussion in Großbritannien“, sagte Dirk H. Kranen. „Das Land ist gespalten. Das Volk hatte die Handelspolitik beim Referendum nicht im Kopf.“ Anders als Wolfgang Becker hegt Dirk H. Kranen persönlich noch die leise Hoffnung, „dass es sich Großbritannien doch noch einmal überlegt, wenn alles ausverhandelt ist“. Die Mehrheit im Saal sieht das nicht so. Bei einem Voting über die Kongress-App sagten 88 Prozent: Der Brexit kommt!

Bei den Chancen für ein Handelsabkommen mit den USA ist die Meinung indes geteilt. Dazu sagten nur 54 Prozent: Ja. Carsten Knop hatte den Blick auf weitere Problemfelder der Weltwirtschaft ausgeweitet: „Worauf können sich Unternehmen noch verlassen im allgemeinen Kontext?“ Hier der Brexit, dort das gescheiterte TTIP-Abkommen der EU mit den Vereinigten Staaten. Engelbert Günster bedauert das Scheitern: „Es geht dabei nicht nur um Zölle, es geht um viel mehr. Und wir waren ja dicht dran“, sagte der IHK-Präsident und frühere Deutschland-Chef von Boehringer Ingelheim. Er selbst hätte mit Ja gestimmt bei der Frage, ob es noch zu einem Handelsabkommen mit den USA komme.

Panel

Die Talkrunde mit Moderator Carsten Knop (ganz rechts), v.l.: Dirk. H. Kranen, Wolfgang Becker, Dr. Christoph Riechmann
Dr. Engelbert J. Günster. Foto: Stephanie Charpentier. 

50 zu 50 sieht Christoph Riechmann die Chancen dafür. Er sei skeptisch angesichts der zwei Kräfte, die in dieser Frage wirkten: „Es geht um den Widerstreit des Produzentenschutzes und des Konsumentenschutzes.“ In der öffentlichen Diskussion, insbesondere in Deutschland, hätten sich die Verbraucherthemen durchgesetzt. Und da US-Präsident Trump wirtschafts- und handelspolitisch in „die alte Welt“ zurückspringe, lägen die Vorstellungen auch auf dieser Ebene weit auseinander.

Für Dirk H. Kranen zeigt das „Gegenmodell Trump“, wie gut das andere Modell sei. „Der Brexit hat die Zustimmung zur EU in anderen Ländern erhöht, denn wir werden uns bewusst, was wir schon erreicht haben.“ Trump habe den Druck auf den Kessel der EU weiter erhöht. „Wir müssen bei allen Problemen die Erfolge stärker würdigen.“ Dazu zählte er ausdrücklich die Osterweiterung der EU. Das sieht auch Engelbert Günster so: „Wenn Trump und der Brexit zu einem Push für die EU geführt haben und weiter führen, dann ist das gut.“ Es sei klar, dass Europa nur zusammen erfolgreich sein könne in der Weltwirtschaft, in der der Brexit ein vergleichsweise kleines Ereignis sei.

„Wird die Wirtschaft in Europa in den nächsten fünf Jahren im Saldo weiter wachsen?“, wollte Carsten Knop abschließend von den Kongressteilnehmern wissen. Die Antworten ließen die Frage zu, ob das Glas zu drei Vierteln voll oder zu einem Viertel leer sei, denn 74 Prozent erwarten weiteres Wachstum. „Überrascht von dem Viertel“ zeigte sich Christoph Riechmann. Denn er ist optimistisch für die EU: „Die Produktivität wird hoch bleiben.“ Großbritannien werde allerdings Probleme bekommen, denn das Wachstum dort sei wesentlich getragen von der starken Einwanderung. Wenn sich das Land nun stärker abschotte, wirke sich das negativ aus.

Wolfgang Becker sieht für seine Branche. Die Verbraucher setzten gerade in schwierigeren Zeiten eher auf Sachwerte: „Dazu zählen unsere hochwertigen Küchen und Möbel.“ Unklar sei aber, wie sich die Kapitalmärkte entwickelten und wie es mit der Niedrigzinspolitik weitergehe. Ein Zinsanstieg könne erhebliche Folgen haben, besonders auf dem Immobilienmarkt. Von daher sieht er die mittelfristigen Wachstumschancen derzeit auch bei 50 zu 50.

 

Brexit und dann? Darüber sprach Dirk. H. Kranen in seiner Keynote. Zur Artikel!

 

Weiterer Bericht: Rede CEO Xavier Durand und Vortrag Länderbewertungen! Zum Artikel!

 

 

Mehr zu den Updates der Länder- und Branchenbewertungen im Coface-Barometer zum Download ("Siehe auch").

 

Die Coface-Risikoweltkarte gibt es ebenfalls zum Herunterladen ("Siehe auch").

 

Alle Länder- und Branchenbewertungen finden Sie hier: Zur Webseite!

Presseveröffentlichung herunterladen : „Komplexe Gemengelage“ (299,74 kB)

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Erich HIERONIMUS

Pressesprecher
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