Die Überprüfung des USMCA rückt angesichts von Handelsspannungen und Bestrebungen zur Diversifizierung immer mehr in den Vordergrund
Es wird erwartet, dass die Handelsgespräche zwischen Kanada und den USA im Vorfeld der USMCA-Überprüfungsverhandlungen im Juli 2026 von wechselnden Phasen der Eskalation und Entspannung geprägt sein werden. Das Abkommen hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Kanada nach wie vor zu den Ländern mit den niedrigsten Zöllen zählt, da konforme Exporte (85 % der Gesamtmenge) zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels von den meisten Zöllen der Trump-Regierung (einschließlich der länderspezifischen IEEPA-Zölle und bestimmter sektorbezogener Zölle wie Section 232 auf Fahrzeuge und Autoteile) ausgenommen sind. Dies kann sich jedoch ändern, wenn die USA im Vorfeld des Juli 2026 weiteren Druck ausüben, insbesondere falls Kanada an einer kompromisslosen Haltung festhält. Wir gehen davon aus, dass das Abkommen Bestand haben wird, auch wenn schwer zu sagen ist, ob es in Form einer vollständigen Verlängerung (von 2036 bis 2042) oder vorbehaltlich einer weiteren Überarbeitung im Jahr 2027 geschehen wird. Die USA werden wahrscheinlich einen erweiterten Marktzugang für Milchprodukte, Geflügel und Eier sowie strengere Anforderungen an den Anteil an US-amerikanischen bzw. regionalen Bestandteilen fordern, was im eigenen Land nur schwer zu verkaufen sein wird.
Parallel dazu wird Kanada seine Bemühungen fortsetzen, den Außenhandel im Sinne einer stärkeren geografischen Diversifizierung neu auszurichten. Engere Beziehungen zu Europa lassen sich am einfachsten umsetzen, indem das Umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) voll ausgeschöpft wird. Die Beziehungen zu China befinden sich jedoch an einem Scheideweg. Einerseits wird die chinesische Nachfrage nach Flüssigerdgas (LNG) entscheidend für die Diversifizierung des Energiehandels sein. Allerdings werden die USA wahrscheinlich von Kanada erwarten, dass es deren protektionistische Haltung gegenüber China nachahmt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Kanada ins Kreuzfeuer zwischen China und den USA gerät. Kanadas Nachahmung der von der Biden-Regierung 2024 verhängten Zölle auf Elektrofahrzeuge veranlasste China zu Vergeltungsmaßnahmen in Form von Zöllen auf Agrarexporte. Zudem haben Mexikos im September 2025 eingeführte, weitreichende Zölle gegen China einen Präzedenzfall geschaffen. Ansonsten werden Fortschritte bei der Normalisierung der Beziehungen zu Indien erzielt, die sich nach der Ermordung eines im Exil lebenden Sikh-Führers auf kanadischem Boden im Jahr 2023 bekanntlich verschlechtert hatten.
Premierminister Mark Carney von der Mitte-Links-Partei „Liberal Party“ (170 von 343 Sitzen) steht an der Spitze einer fragilen Minderheitsregierung, die auf die Ad-hoc-Unterstützung des regionalistischen „Bloc Québécois“ (22) und der linksgerichteten „New Democratic Party“ (7) angewiesen ist. Minderheitsregierungen sind in Kanada relativ üblich, und derzeit würde die Öffentlichkeit wahrscheinlich jede Partei abstrafen, die Kontinuität und Stabilität gefährdet. Angesichts der nächsten Bundestagswahl im Jahr 2029 sind vorgezogene Wahlen jedoch ein Risiko, das es im Auge zu behalten gilt.
Handelsunsicherheit belastet weiterhin eine schwächelnde Wirtschaft
Dank der USMCA-Ausnahmeregelung ist Kanadas beobachteter Zollsatz der niedrigste unter den wichtigsten Handelspartnern der USA (3 % gegenüber einem weltweiten Durchschnitt von 10 %). Bestimmte, besonders betroffene Branchen wie die Automobil-, Stahl-/Aluminium- und Holzindustrie erleiden jedoch akute Einbußen. Noch schwerwiegender ist, dass die Aussicht auf eine anhaltende Eskalation des Handelskriegs und ein Scheitern des USMCA-Abkommens bei Verbrauchern und Investoren eine abwartende Haltung hervorruft. Die Exporte in die USA machen 76 % der Gesamtexporte und 20 % des BIP aus. Obwohl die Wirtschaft eine technische Rezession knapp vermeidet, wird erwartet, dass sie das zweite Jahr in Folge hinter ihrem Potenzial zurückbleibt. Darüber hinaus dürfte das anhaltende globale Ölangebot die Exportpreise im Zaum halten. Die Regionen sind unterschiedlich stark vom Handelskrieg betroffen: Ontario und Quebec leiden unter ihrer Abhängigkeit von der Automobil- und Metallindustrie, während Regionen, die auf Rohstoffgewinnung spezialisiert sind (Alberta, Saskatchewan), besser geschützt sind.
Da die Auswirkungen des Handelskriegs eher punktuell als flächendeckend sind, blieben die Ausstrahlungseffekte auf den Dienstleistungssektor und den Arbeitsmarkt insgesamt bislang begrenzt. Der Inlandstourismus profitierte davon, dass die Kanadier ihre Reisen in den Süden um 30 % reduzierten. Der Beitrag des Binnenkonsums dürfte positiv, aber im historischen Vergleich bescheiden ausfallen, da er durch das nachlassende Bevölkerungswachstum begrenzt wird. Wir schätzen, dass die Arbeitslosigkeit ihren Höchststand erreicht hat und voraussichtlich zurückgehen wird, wobei sie gemessen an den Maßstäben des letzten Jahrzehnts mit über 6 % weiterhin auf einem hohen Niveau bleiben dürfte. Aufgrund eines vorgezogenen Exportanstiegs zu Beginn des Jahres 2025 dürfte 2026 das erste volle Jahr sein, in dem die Exporte zurückgehen. Umgekehrt gehen wir nicht von weiteren erheblichen Vergeltungszöllen seitens der USA aus und sehen daher kaum Spielraum für einen weiteren Rückgang der Importe. Daher erwarten wir, dass der Beitrag der Nettoexporte negativ bleibt. Die Dynamik bei den Investitionen in den Wohnungsbau dürfte sich 2026 verstärken, gestützt durch staatliche Wohnungsbauprogramme (Ausbau des sozialen Wohnungsbaus, Deregulierung bei Flächennutzungsplanung und Baugenehmigungen) sowie sinkende Kreditkosten. Der spürbare Schub bei den öffentlichen Infrastrukturinvestitionen wird ein umfangreiches Projektportfolio (LNG-Pipelines, Ausbau des Hafens von Québec, Kernkraftwerk Darlington) schaffen, das die Investitionen im Nichtwohnungsbau stützen wird. Die Inflation dürfte nahe bei 2 % bleiben, mit einem leichten Anstieg im zweiten Quartal 2026, wenn der vorübergehende Effekt der Abschaffung der Bundeskraftstoffabgabe nachlässt. Es wird erwartet, dass die Zentralbank die Zinsen weitgehend konstant hält und dabei eine leicht akkommodierende bis neutrale Haltung einnimmt.
Doppelte Defizite: Der Preis des Handelskriegs
Der fiskalische Rahmen für 2026 und die Folgejahre ist stark von der Notwendigkeit geprägt, das Wachstumsmodell des Landes weg von den US-Exporten zu diversifizieren. Die Investitionsausgaben werden voraussichtlich 2026 auf 1,4 % des BIP und im Zeitraum 2027–2030 auf 1,6–1,7 % ansteigen; gegenüber durchschnittlich 1 % im Zeitraum 2020–2025. Diese Initiativen zielen vor allem darauf ab, die Verteidigungs- und Industriebasis zu stärken, Wohnraum, Krankenhäuser und Verkehrsinfrastruktur aufzubauen sowie steuerliche Anreize für private Investitionsausgaben zu schaffen (Abschreibungen, F&E-Zuschüsse). Um diesen Anstieg teilweise auszugleichen, sieht der Haushalt drastische Kürzungen bei den laufenden Ausgaben vor, die sich vor allem auf den Abbau des öffentlichen Dienstes konzentrieren – von einem jüngsten Höchststand von 368.000 im Jahr 2024 auf 330.000 bis 2029. Für die Ministerien (mit Ausnahme von Verteidigung, Polizei und Grenzschutz) sind Kürzungen von 7,5 % in den Jahren 2026–27 vorgesehen, die sich 2027–28 auf 10 % erhöhen und 2028–29 15 % erreichen sollen. Dies dürfte jedoch über einen Zeitraum von fünf Jahren nur zu Einsparungen in Höhe von 1,8 % des BIP von 2025 führen, während die zusätzlichen Ausgaben 5 % des BIP ausmachen werden, wodurch sich das Haushaltsdefizit auf kurze Sicht im Vergleich zur bisherigen Politikgestaltung in etwa verdoppeln dürfte. Die Risiken dieser Verschuldung werden durch liquide Mittelbestände erheblich gemildert.
Der Handelskrieg, die gestiegene Investitionsnachfrage und die niedrigen Rohstoffpreise üben Abwärtsdruck auf die Leistungsbilanz aus, die sich voraussichtlich leicht verschlechtern wird. Eine nennenswerte Erholung der Warenexporte wird erst Ende 2026 erwartet, und die Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung werden einen erheblichen Importbedarf an Maschinen und Ausrüstung schaffen. Das Dienstleistungsdefizit dürfte sich hingegen aufgrund einer verbesserten Netto-Tourismusbilanz verringern und sich dem Gleichgewicht annähern. Die Bruttoauslandsverschuldung ist mit 145 % des BIP recht hoch, doch die Nettoauslandsinvestitionsposition weist mit 61 % des BIP einen soliden Überschuss auf.

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