Xavier Durand: „Die Welt wird noch schwieriger vorherzusagen“

Xavier Durand, CEO der Coface-Gruppe, gab Ende November der Wirtschaftszeitung L'Agefi ein ausführliches Interview. In diesem ersten Teil erläutert er die Folgen von Konflikten auf der ganzen Welt für Unternehmen – und was dies für Coface bedeutet.

Die Kriege in der Ukraine und in Israel haben das politische Risiko wieder ins Rampenlicht gerückt. Welche Auswirkungen hat das auf die Fähigkeit, wirtschaftliche Entwicklungen zu antizipieren?

 

Über politische Risiken haben wir uns bis 2019 oder gar bis 2022 keine großen Gedanken gemacht. Wir sind davon ausgegangen, dass das vorherrschende Modell der westlichen Demokratien stetig Fortschritte machen würde – zumindest als das Modell, das man anstreben sollte. Nach 70 Jahren Frieden schien die Welt auf einem stabileren Fundament zu stehen, als es tatsächlich der Fall war.

 

Zu den Faktoren, die in dieser neuen Ordnung eine Rolle spielen, zählt zum Beispiel der schwindende internationale Einfluss der Vereinigten Staaten. Während sich die USA unter Donald Trump mehr und mehr von der Weltbühne zurückgezogen haben, kehrte im gleichen Zug Russland über Afrika bzw. den Krieg in der Ukraine wieder auf die internationale Bühne zurück. Dann taucht die Iran-Frage im Zusammenhang mit dem Israel-Gaza-Krieg wieder auf. Oder China beginnt, im Südchinesischen Meer und gegenüber seinen Nachbarn die Muskeln spielen zu lassen. Darüber hinaus gibt es einen weiteren Block, der die etablierte Ordnung in Frage stellen will: die BRICS-Staaten. Auch wenn Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika [1] unterschiedliche Interessen haben, zeigt dies, dass wir uns hin zu einer stärker fragmentierten, multipolaren Welt bewegen. Diese unterschiedlichen Brandherde schaffen eine Volatilität, die wir bereits vergessen hatten.

 

Die wirtschaftlichen Folgen dieser Kriege bringen Gewinner und Verlierer hervor, je nachdem, wie stark die Beteiligten dem Anstieg der Rohstoffpreise ausgesetzt sind. Europa scheint eher ein Verlierer zu sein, denn es steht an vorderster Front der Energiekrise. Von dieser wiederum profitieren die Vereinigten Staaten, genau wie von der Aufrüstung, die ihre Exporte ankurbelt. Lieferketten werden stetig neu aufgesetzt. Dabei sind die westlichen Länder bestrebt, aus dem Offshoring auszusteigen und dem Nearshoring sowie neuerdings auch dem Friendshoring den Vorzug zu geben. Diese Verlagerung wird zwangsläufig nur schrittweise erfolgen, da man Arbeitskräfte und Infrastruktur nicht über Nacht verlagern kann. Und dann muss man akzeptieren, dass die Produktion teurer wird. Das ist der Preis, den man für die Kontrolle zahlt.

 

Wenn wir die Länderrisiken außen vor lassen, was sind dann die neuen Bedrohungen für Unternehmen?

Nach Jahren der monetären Expansion und des billigen Geldes im Zuge der Coronapandemie kamen die beispiellosen staatlichen Interventionen, die zu einer Straffung der Geldpolitik führten, in diesem Ausmaß und dieser Geschwindigkeit doch überraschend. Diese Straffung wird zwei Auswirkungen haben: Sie verknappt die Liquidität und treibt die Kreditkosten für Wirtschaftsakteure im Allgemeinen und die Unternehmen im Speziellen in die Höhe. Auf der anderen Seite haben die Staaten aufgrund ihrer höheren Verschuldung weniger Spielraum, um einzugreifen. Und gleichzeitig steigen, als Folge der geopolitischen Spannungen, die Kosten für Unternehmen. Es werden jedoch nicht alle in der Lage sein, die Mehrkosten auf die Verkaufspreise umzulegen. Das bringt die Margen unter Druck.

Darüber hinaus müssen sich Unternehmen auch mit dem demografischen Wandel beschäftigen. In den westlichen Ländern und in China schrumpft aufgrund der Überalterung der Bevölkerung der Anteil der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter. Das führt zu einer nach wie vor niedrigen Arbeitslosenquote und in der Folge zu anhaltend hohen Lohnkosten. Parallel dazu wird der Klimawandel immer deutlicher und erfordert Investitionen, die wiederum die Energiekosten in die Höhe treiben – und das ist meines Erachtens erst der Anfang. Zusammengenommen bedeuten all diese negativen Faktoren, dass sich derzeit nicht besonders viel zu Gunsten der Unternehmen entwickelt.

 

Was bedeutet das für Unternehmen, die in Frankreich tätig sind?

Den Tiefpunkt bei den Unternehmensinsolvenzen haben wir im Juni 2021 gesehen. Seit ungefähr zwei Jahren steigt die Zahl der Firmenpleiten dynamisch, mit Blick auf das Vor-Pandemie-Niveau würde ich es jedoch als Normalisierung bezeichnen. Seit Jahresbeginn ist die Zahl der Insolvenzen um 3,5 Prozent höher als 2019 [2]. Zu Beginn waren vor allem Kleinstunternehmen betroffen, insbesondere solche in schwachen Sektoren wie beispielsweise dem Baugewerbe. Die steigenden Zinsen haben dieser Branche schwer zugesetzt. Da die überschüssige Liquidität stetig zurückgeht, greifen die Insolvenzen nach und nach auch auf größere Unternehmen über.

Neben dem Baugewerbe steht auch der Einzelhandel unter Druck. Der Sektor leidet schon seit einiger Zeit unter der Konkurrenz zwischen Online- und stationärem Handel. Hinzu kommt, dass alle Beteiligten angesichts der hohen Inflation versuchen, die Preiserhöhungen weiterzugeben. Und sie hören erst damit auf, wenn die Verbraucher nach Alternativen suchen, wie beispielsweise der Rückgang der Verkäufe von Bioprodukten zeigt.

 

Welche Auswirkungen haben die jüngsten Konflikte auf das Engagement von Coface?

Zunächst einmal stehen unsere Länderrisikobewertungen dreimal im Jahr auf dem Prüfstand, um neu aufkommende oder sinkende Risiken mit zu berücksichtigen. Und wir passen unser Exposure, also unser Deckungsvolumen, durch eine proaktive Risikomanagement- und Präventionspolitik ständig an.

Im Jahr 2022 sank unser Engagement in Russland innerhalb weniger Monate von fünf Milliarden Euro auf das absolute Minimum. Es ist noch zu früh, um die Auswirkungen des Anfang Oktober ausgelösten Konflikts im Nahen Osten vorherzusagen. Wir sind in dieser Region nur in sehr geringem Maße engagiert, wobei auf Israel das bei weitem größte Deckungsvolumen entfällt. Es ist sehr schwer vorherzusagen, wie lange dieser Konflikt noch andauern wird.

 

Welche Lehren lassen sich aus der Coronakrise und der daraus resultierenden staatlichen Unterstützung für Kreditversicherungen ziehen?

Die Regierungen griffen in eine Situation ein, die völlig neu und relativ dramatisch war. Da die Krise vorübergehend zu sein schien, war der Ansatz „Tun, was nötig ist – koste es, was es wolle" alternativlos, um nicht einen ähnlichen Schock wie 2007/08 zu erleben. Die Unterstützung der Kreditversicherer war eine Möglichkeit, um die Wirtschaft vor den Folgen einer potenziell noch größeren Verschlechterung zu schützen. In diesem Fall zahlten die Kreditversicherer am Ende an den Staat, weil auf der einen Seite die Schadenquote sehr niedrig blieb und andererseits aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen die Prämien an den Staat abgeführt wurden.

Jedoch geben uns vergangene Krisen keine Gewissheit über die nächste Krise, über ihre Art und ihr Ausmaß oder über die Reaktion der Regierungen. Uns sollte klar sein, dass wir nicht erwarten können, dass das System immer mit öffentlichen Geldern gerettet wird; dieses Vorgehen hat Grenzen.

Coface hat sich schon immer dazu verpflichtet, den Ereignissen angemessene Portfoliomaßnahmen in Absprache mit unseren Kunden durchzuführen. Abgesehen davon kann ein Staat die Akteure nicht gegen eine Rezession versichern. Und ein privater Versicherer kann das noch weniger. Das ist offensichtlich, wenn man unsere Größe mit den wirtschaftlichen Herausforderungen vergleicht, über die wir hier sprechen. Die Logik der Kreditversicherung beruht auf unserer Fähigkeit, unsere Risiken an das spezifische Risikoumfeld, dem wir uns gegenübersehen, anzupassen.

 

Welchen Mehrwert und welche besonderen Skills liefern Sie auch weiterhin für das Exportgeschäft?

Der Export, d. h. die Versicherung von Transaktionen zwischen Ländern, steht heute für 40 Prozent unserer Geschäftstätigkeit und er bleibt unsere Stärke. Die Coface-Gruppe hat Niederlassungen in 100 Ländern und bietet Versicherungslösungen in 200 Ländern an. Wir ermöglichen Unternehmen die weltweite Überwachung ihrer Risiken.

Um Unternehmen, insbesondere KMU, im Exportgeschäft zu unterstützen, sind staatliche Exportdeckungen ein gutes Mittel, da sie in diesem Bereich mit vielen Unbekannten konfrontiert sind. Die Verwaltung der öffentlichen Garantien in Frankreich hat Coface nunmehr an Bpifrance übertragen. Dadurch werden große strategische Exportverträge gedeckt, die auf dem privaten Markt kaum oder gar nicht versicherbar sind – wie in den Bereichen Atomkraft, Rüstung, Luftfahrt, Technologie usw. In Frankreich haben wir eine anerkannte und starke Exportkreditagentur.

Die große Herausforderung für uns besteht darin, kleine und mittlere Unternehmen für die Absicherung ihres Auslandsgeschäfts zu gewinnen, was angesichts der Vielfalt der Themen ein schweres Unterfangen ist. Es bedarf einer bestimmten Kultur und Vermittelnden. Als Kreditversicherer können wir unseren Beitrag leisten, indem wir unsere Daten über die ausländischen Zielmärkte zur Verfügung stellen.

HIER können Sie den zweiten Teil des Interviews mit Xavier Durand lesen. 


[1] Anmerkung der Redaktion: Saudi-Arabien, Argentinien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Äthiopien und der Iran werden sich den fünf Gründungsstaaten zum 1. Januar 2024 anschließen.

[2] Die Unternehmensinsolvenzen in Frankreich sind im Jahr 2023 mehrfach über die Zahlen von 2019 geklettert: im März, Mai, Juni, Juli und August. In den ersten acht Monaten des Jahres wurden 33.794 Insolvenzen verzeichnet, das sind 37% mehr als 2022 und 3,5 % mehr als 2019 (Quelle: Zahlungserfahrungsstudie Frankreich; Coface, November 2023).

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