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USA: Insolvenzen steigen erstmals wieder über Vor-Pandemie-Niveau

Die Insolvenzzahlen in den USA haben einen historischen Wert erreicht: Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie liegen sie dauerhaft über dem Niveau von 2019. Marcos Carias, Coface-Volkswirt für Nordamerika, erläutert die Hintergründe dieser Entwicklung und ihre Folgen für die kommenden Monate.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in den USA erreichte im 3. Quartal 2025 6.574 Fälle – den höchsten Stand seit dem 2. Quartal 2014 und 15% über dem Durchschnitt von 2019. Damit liegen die USA bereits zwei Quartale in Folge über dem Vor-Pandemie-Niveau. 
  • In dieser Phase spiegeln die steigenden Insolvenzen vermutlich bereits länger bestehende Angebots- und Nachfrageprobleme wider, die sich schon vor dem Handelskrieg abzeichneten – darunter höhere Refinanzierungs- und Arbeitskosten sowie branchenspezifische Trends wie die Digitalisierung im Einzelhandel oder sinkende Erstattungssätze im Gesundheitswesen. 
  • Es ist wahrscheinlich, dass die Insolvenzen auf diesem Niveau bleiben, während sich der Druck durch Zölle weiter aufbaut. 

 

Die Gesamtzahl der Unternehmensinsolvenzen in den Vereinigten Staaten erreichte im 3. Quartal 6.574 Fälle – den höchsten Wert seit dem 2. Quartal 2014 und 15% über dem Durchschnitt des Jahres 2019. Zum ersten Mal seit der Pandemie liegt die Insolvenzquote damit in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen über dem Niveau von 2019. Im laufenden Jahr liegt sie 5,25% über dem Wert von 2024. Bereits im Juli berichtete S&P Global, dass im Bereich von Großunternehmen1 die Insolvenzen im ersten Halbjahr den höchsten Stand seit 2010 erreicht hatten. 2025 entwickelt sich damit zu dem Jahr, in dem die Firmenpleiten in den USA erstmals deutlich über das Vor-Pandemie-Niveau hinausgehen. 

 

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Wie in anderen Industrieländern war auch in den USA die unmittelbare Phase nach der Pandemie durch eine „Insolvenz-Lücke“ gekennzeichnet – eine Phase außergewöhnlich niedriger Insolvenzzahlen. Nachdem diese Lücke geschlossen war, stiegen die Insolvenzen in anderen entwickelten Volkswirtschaften bis weit in die Jahre 2024 und 2025 hinein weiter an. In den USA hingegen stabilisierten sie sich im Frühjahr 2025 zunächst auf dem Niveau vor der Pandemie. Die unterschiedliche Entwicklung der Insolvenzkurven spiegelt die stark divergierenden makroökonomischen Rahmenbedingungen auf beiden Seiten des Atlantiks wider. 

Erst konsumieren, dann sparen: Sowohl in den USA als auch in Europa bauten Haushalte während der Lockdowns enorme Überschussersparnisse auf. Doch die Amerikaner gaben dieses Geld deutlich eher für Konsumgüter und Dienstleistungen aus. Dies zeigt sich in der unterschiedlichen Entwicklung der Sparquoten. Entsprechend stützte der Konsum in den USA die Unternehmensumsätze stärker. 

Dank umfassenderer Technologieadoption und flexiblerer Arbeitsmärkte war das Produktivitätswachstum in den USA deutlich stärker als in Europa. Dadurch konnten die Reallöhne trotz Inflation steigen, ohne die Unternehmensmargen übermäßig zu belasten. Außerdem blieb den USA der dauerhafte Wettbewerbsnachteil bei den Energiekosten erspart, den der Ukrainekrieg für Europa mit sich brachte. Zwar stiegen die Produktionskosten in beiden Regionen dauerhaft an, US-Unternehmen waren jedoch besser in der Lage, diese Belastung zu verkraften. 

 

Was treibt den Anstieg der Firmenpleiten?

Die genauen Ursachen der Insolvenzen zu bestimmen, ist aufgrund fehlender branchenspezifischer Detaildaten der Bundesgerichte schwierig. Die Aufschlüsselung der großen Insolvenzen im “S&P Global Sample” liefert jedoch Hinweise. Obwohl die meisten Insolvenzen kleinere, nicht börsennotierte Unternehmen betreffen, zeigen Probleme bei großen Unternehmen oft, dass kleinere Firmen derselben Branche noch stärker unter Druck stehen. 71% der großen Insolvenzen im ersten Halbjahr 2025 entfallen auf drei Sektoren: 

  • Groß- & Einzelhandel: Mit der schrittweisen Abschwächung der Reallöhne passen Verbraucher ihre Ausgaben zunehmend an. Besonders im Segment der “Casual Dining Restaurants” kam es zu einer Welle von Insolvenzen, da Konsumenten eher zu günstigeren Alternativen greifen oder zu Hause essen. Geschäftsmodelle, die stark von stationären Läden abhängen, leiden zudem weiterhin unter dem strukturellen Druck des fortschreitenden Übergangs zum Onlinehandel. 

   

  • Industrie/Verarbeitendes Gewerbe: Trotz einer deutlichen Erholung der Industrieproduktion im Jahr 2025 durchlief der Sektor 2022 und 2023 eine ausgeprägte Rezession. Bis heute liegt die Produktion 1% unter ihrem Höchststand von März 2022 und 3% unter dem Spitzenwert von April 2018. Während strategische Sektoren wie Halbleiter und Pharma dank staatlicher Unterstützung expandieren, verliert die US‑Industrie insgesamt weiter an Kapazität. 

 

  • Gesundheitswesen: Nach starkem Wachstum in den 2010er‑Jahren wurde die Branche von gravierendem Fachkräftemangel und steigenden Arbeitskosten getroffen. Gleichzeitig wurden die Erstattungssätze für Medicaid und Medicare reduziert. Der „No Surprises Act“ von 2022 verbot zudem die Zusatzabrechnung bei Notfallbehandlungen außerhalb des Netzwerks – eine wichtige Einnahmequelle mit hohen Margen. Inflation und steigende Selbstbeteiligungen führten zusätzlich dazu, dass Patienten Behandlungen verschieben oder ganz auslassen. 

 

Ausblick: Insolvenzen verharren auf hohem Niveau

Nachdem die USA nun eine Phase überhöhter Insolvenzzahlen erreicht haben, stellt sich die Frage, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Es deutet sich an, dass die Nachfrage nicht mehr stark genug ist, um die steigenden Produktionskosten voll auszugleichen – zu erkennen daran, dass die Inflation trotz Zöllen schwächer steigt als erwartet. Insolvenzen reagieren mit Verzögerung auf konjunkturelle Entwicklungen; der jüngste Anstieg dürfte eine Folge schrittweise wachsender Kostenbelastungen, höherer Input‑ und Finanzierungskosten und einer schrittweise nachlassenden Nachfrage sein. Zinssenkungen dürften den Refinanzierungsdruck zwar perspektivisch lindern, aber erst ab Mitte 2026 spürbare Effekte in der Realwirtschaft entfalten. Zudem werden sich die Auswirkungen der Zölle zunehmend in den Bilanzen der Unternehmen niederschlagen. 

Die Daten deuten darauf hin, dass US‑Unternehmen den Großteil der Zollkosten selbst tragen. Angesichts der Unsicherheiten im Umgang der Regierung Trump mit Handelsmaßnahmen geht Coface davon aus, dass die durchschnittliche Zollbelastung künftig um die 15‑Prozent‑Marke schwanken wird. Insolvenzen werden daher wohl über dem Vor-Pandemie-Niveau bleiben – mit etwas Spielraum für Verbesserungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026. 

 

Könnten Rückerstattungen der IEEPA-Zölle die Insolvenzen wieder senken?

Sollte der Supreme Court Donald Trumps Strafzölle im Rahmen des IEEPA (International Emergency Economic Powers Act) für unzulässig erklären, könnten betroffene US‑Importeure Anspruch auf Rückerstattung haben – eigentlich ein Liquiditätsplus für zollbelastete Unternehmen. Allerdings ist zu erwarten, dass die Regierung das Antragsverfahren bürokratisch erschwert, sodass unklar ist, wie umfassend und wie schnell diese Mittel in den Privatsektor zurückfließen würden. Zudem hat das Weiße Haus bereits angekündigt, im Falle eines Wegfalls der IEEPA‑Zölle alternative rechtliche Wege zu nutzen, um vergleichbare Maßnahmen wieder einzuführen. Kurz gesagt: Obwohl die Entwicklung beobachtet werden sollte, ist es unwahrscheinlich, dass IEEPA‑Rückerstattungen kurzfristig als relevanter Liquiditätsschub wirken. 

 

1 Definiert als börsennotierte Unternehmen oder private Unternehmen mit öffentlichen Schuldtiteln und mindestens 2 Millionen US‑Dollar an Vermögenswerten oder Verbindlichkeiten zum Zeitpunkt der Anmeldung sowie private Unternehmen mit mindestens 10 Millionen US‑Dollar an Vermögenswerten oder Verbindlichkeiten.

2 Seit dem 2. Quartal 2022 sind die Reallöhne im Gesundheitswesen um 5,8% gestiegen – gegenüber 3,5% im privaten Sektor insgesamt.

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