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Xavier Durand: “Der Welthandel ist widerstandsfähig und schafft zu viel Wert, um zum Stillstand zu kommen.”

Coface Group CEO Xavier Durand analysiert für Le Figaro den Krieg im Iran und dessen kurz- und mittelfristige Risiken.

Begrenzte, aber stark schwankende Auswirkungen auf die globale Wirtschaft 


LE FIGARO: Bereits nach wenigen Tagen des Iran-Konflikts ist die ökonomische Schockwelle weltweit spürbar. Wie beurteilen Sie die Lage? 

XAVIER DURAND: Der Schock ist unmittelbar, bleibt aber bislang regional begrenzt und global relativ überschaubar. Es ist offensichtlich, dass der gesamte Persische Golf quasi stillsteht, Transportwege blockiert sind usw. Aber ein Anstieg der Ölpreise über ein paar Tage oder Wochen hat begrenzte Auswirkungen. 

Die Preise waren zuletzt auf einem sehr niedrigen Niveau – Brent lag Anfang 2026 bei 60 Dollar, während wir seit 2019 eine kumulierte Inflation von über 20% hatten. Am Montag stieg der Preis auf über 100 Dollar, doch wir sind immer noch weit entfernt von den Höchstständen von 2022 oder 2008. Wichtig ist weniger das erreichte Preisniveau als vielmehr die Dauer, über die die Preise hoch bleiben. 

Das globale Wachstum ist weiterhin eher schwach, daher würden sich Spannungen nur allmählich aufbauen. Falls der Konflikt jedoch länger anhält und die Straße von Hormus, über die 20% des weltweiten Öl- und LNG-Handels laufen, dauerhaft blockiert würde, hätte das eine ganz andere Dimension. Die entscheidende Frage lautet: Wie lange wird es dauern? 

 

Besonders gefährdete Branchen und Risiken

Welche Branchen und Lieferketten sind am stärksten betroffen? 

Alle Bereich, die mit Kohlenwasserstoffen und Petrochemie zu tun haben. Dazu gehören Dünger, die vor allem nach Indien und Lateinamerika exportiert werden, aber auch Kunststoffe. Ebenso die Metallproduktion – etwa Aluminium. Ein länger anhaltender Schock könnte zahlreiche industrielle Wertschöpfungsketten treffen, von der Lebensmittelindustrie bis zur Automobilbranche

 

Was verstehen Sie unter einem „anhaltenden Schock“? 

Wahrscheinlich würde man ihn eher in Monaten als in Tagen oder Wochen messen. Wenn die Straße von Hormus länger als zwei bis drei Monate blockiert wäre, würden Unternehmen in eine kritische Phase geraten: Engpässe, die Anpassung von Lieferketten, alternative Transportwege, Preisänderungen usw. 

 

Ist Asien am stärksten betroffen, während Europa vergleichsweise verschont bleibt? 

Ja, Asien steht an vorderster Front, da viele Länder stark von Öl- und Gasimporten aus dem Nahen Osten abhängig sind. China etwa bezieht über 10% seines Öls aus Iran und müsste sich neue Lieferanten suchen. In Europa entstehen vor allem mittel- bis langfristig Risiken – vor allem, wenn die LNG-Preise steigen. Unternehmen kämpfen ohnehin bereits mit höheren Energiekosten. 

Wenn sie für sechs bis neun Monate zu Preisen einkaufen müssen, die 50–75% höher liegen, belastet das ihre Margen und Bilanzen. Erste Konkurrenzsituationen entstehen bereits, ähnlich wie während der Energiekrise vor drei Jahren – etwa durch die jüngste Umleitung einer LNG-Ladung von Europa nach Asien. Zum Glück sind wir noch nicht an diesem Punkt, und die Gaspreise liegen weiterhin sechs- bis siebenmal unter den Spitzenwerten von 2023. 

Kurzfristig kann es sogar Gewinner geben – zum Beispiel Raffinerien und petrochemische Unternehmen, die von vollen Lagern und geringerer Konkurrenz aus Asien profitieren. 

 

Müssen wir mit dauerhaften Störungen der Handelswege rechnen? 

Aktuell beschränken sich die Störungen auf die Region: Schiffe sitzen fest, einige Reedereien stoppen Charterverträge, andere erhöhen ihre Preise. Die Frachtraten für Tanker – sie machen 80% des Verkehrs durch die Straße von Hormus aus – sind um 50–60% gestiegen. Beim Luftfrachtverkehr ist der Effekt noch stärker, da die Region für rund ein Fünftel des globalen Handels steht – allein die Golfcarrier für 13%. Bei Coface sagen wir gern: Handel ist wie Wasser – er findet immer seinen Weg. 

Ende 2023, als Israel und Hamas im Krieg standen, wichen Schiffe, die nicht durch den Suezkanal fahren konnten, auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung aus. Insgesamt hat sich der Welthandel durch Konflikte, Sanktionen und zuletzt auch Zölle in den vergangenen Jahren deutlich reorganisiert und regionalisiert. Die Globalisierung hat sich verlangsamt – aber sie passt sich an. Der Welthandel ist widerstandsfähig und schafft zu viel Wert, um zum Erliegen zu kommen. 

 

Wie Unternehmen mit der Krise umgehen 

Ein weiterer Schock, der Unternehmen teuer zu stehen kommen dürfte. Wie reagieren sie? 

Unternehmen müssen Risiken heute viel granularer analysieren. Bei Coface kombinieren wir eine makroökonomische Sicht, mit Daten und politischen Entwicklungen aus über 150 Ländern, mit einer mikroökonomischen Analyse, also Branchen- und Firmenbewertungen. Unsere Datenbank umfasst 245 Millionen Unternehmen weltweit, und mithilfe dieses einzigartigen, KI-gestützten Werkzeugs treffen wir täglich über 13.000 Kreditentscheidungen. Da die Kreditversicherung aber nur 7% der weltweit tätigen Großunternehmen abdeckt, haben wir ein neues Geschäftsfeld aufgebaut: Wir stellen diese Daten direkt zur Verfügung, damit Unternehmen ihre Risiken und Lieferketten besser überwachen und Investitionsstrategien entwickeln können. 

In einer immer komplexeren Welt ist dieses Detailwissen entscheidend. Unternehmenslenker und Entscheidungsträger müssen die hohe Unsicherheit einpreisen und Alternativen sowie Sicherheitsmechanismen für das kurzfristige Überleben schaffen. Gut informiert und abgesichert zu sein, ist unerlässlich, um die Umbrüche in der globalen Wirtschaft zu meistern. 

 

Viele Unternehmen haben im Golf investiert. Schadet der Konflikt nun dauerhaft der Attraktivität der Region? 

Nachhaltiges Wachstum basiert immer auf Sicherheit. Die Zukunft der Region hängt daher stark vom weiteren Verlauf des Konflikts ab und davon, ob die USA und ihre Verbündeten Stabilität garantieren können. Ein gutes Beispiel liegt ganz in der Nähe: Israel. Trotz schwerer Zeiten und hoher Spannungen ist das Land ein wirtschaftlich widerstandsfähiger Raum und ein Zentrum technologischer Innovation. Warum? Weil es ein starkes Verteidigungssystem aufgebaut hat. 

Kurzfristig sehen wir tatsächlich einen Dämpfer. Der „Goldrausch“, den die Golfstaaten ausgelöst haben, wird nun kritisch hinterfragt. Unsicherheit belastet Investitionen. Entscheidend wird sein, was in Iran passiert. Sollte das Land zerfallen, würde das vieles infrage stellen. 

Wichtig ist, zwischen medialem Narrativ und ökonomischer Realität zu unterscheiden: Die Auswirkungen variieren je nach Branche, Land und Unternehmen erheblich. 

 

Dieses Interview erschien zuerst in der französischen Tageszeitung Le Figaro 

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