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US-Zölle: Ein Jahr später – wo stehen wir?

Mit dem „Liberation Day“ erreichte der Handelskonflikt am 2. April 2025 eine neue Eskalationsstufe – und wurde damit zu einem der prägenden Themen der Wirtschaftsnachrichten. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Konflikt noch lange nicht beendet ist. Doch wer zahlt am Ende die Zeche – und wie widerstandsfähig ist der Welthandel wirklich?

US-Firmen tragen größten Teil der Kosten

Seit Donald Trump 2025 den Handelskrieg initiierte, wird intensiv darüber diskutiert, wer letztlich die Kosten der Zölle trägt. Der US-Präsident argumentiert, dass ausländische Unternehmen ihre Preise senken, um den Zugang zum US-Markt zu sichern, und somit den Großteil der Belastung übernehmen. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte legt jedoch nahe, dass am Ende häufig die Verbraucher die Rechnung bezahlen – in Form höherer Inflation.

Was zeigen die Daten? Mit wenigen Ausnahmen konnten ausländische Exporteure ihre Margen weitgehend halten. Gleichzeitig ist die Verbraucherpreisinflation zwar gestiegen, bislang aber deutlich moderater als erwartet. Zusammengenommen spricht das dafür, dass aktuell vor allem US-Unternehmen die Hauptlast tragen.

Weitere Daten bestätigen diese Einschätzung: Der Importpreisindex stieg 2025 um 0,7% – ein Wert nahe dem Durchschnitt von 0,5% seit 2010. Zwar gab es bei einigen Warengruppen deutliche Preisrückgänge, etwa bei Spirituosen, Holz, Kosmetik, Stahl und Textilien, doch das sind Ausnahmen. Ein breit angelegter Trend, dass ausländische Unternehmen ihre Preise senken, um ihren Marktanteil in den USA zu sichern, ist nicht erkennbar.

Zudem lag die durchschnittliche Inflation in den Vereinigten Staaten im Jahr 2025 bei 2,8%. Ohne Handelskrieg hätte sie etwa 2% betragen. Damit bleibt sie deutlich unter den 3,5 bis 4%, die mancherorts bei durchschnittlichen Zöllen von rund 15% prognostiziert worden waren. Ein starker Durchgriff auf Verbraucherpreise ist bislang also nicht zu sehen.

Gleichzeitig jedoch sind die Produktionskosten1 in stark von Zöllen betroffenen Branchen deutlich gestiegen: Bis Ende 2025 lag die Input-Inflation bei 20% in der Metallverarbeitung, 9% bei Haushaltsgeräten, 8% in der Automobilindustrie, 6% bei Werkzeugmaschinen und Textilien sowie 5% in der Elektronik. In vielen dieser Branchen stagnieren oder sinken die Gewinnmargen.

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Quelle: Coface-Berechnungen auf Basis von Daten des Bureau of Labor Statistics, Census Bureau sowie Macrobond

Auf den ersten Blick wirkt das überraschend, da sich die US-Wirtschaft insgesamt robust zeigt. Doch Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bedeutet nicht, dass es allen Unternehmen gut geht.

Ein Indikator dafür ist der Anstieg der Insolvenzen: Die Zahl der Firmenpleiten liegt derzeit etwa 15% über dem Durchschnitt von 2019 – und das bereits im dritten Quartal in Folge. Während viele Unternehmen die Belastung noch durch Rücklagen oder Produktivitätssteigerungen abfedern können, geraten zunehmend mehr in eine schwierige Lage.

Es scheint außerdem, dass US‑Verbraucher nach der Inflationsphase infolge der COVID‑19‑Pandemie inzwischen weniger bereit sind, weitere deutliche Preissteigerungen hinzunehmen. Das Gefühl, dass die Lebenshaltungskosten ein nicht mehr akzeptables Niveau erreicht haben, befeuert die Wahrnehmung einer „Bezahlbarkeitskrise“, die für die Republikaner bei den Zwischenwahlen im November politisch kostspielig werden könnte.

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Welthandel gestört – aber nicht gebrochen

Die US-Zollpolitik hat den Welthandel kräftig durcheinandergewirbelt. Zunächst kam es zu starken Schwankungen: Im ersten Quartal 2025 stiegen die US-Importe (nach Volumen) um 25% gegenüber dem Vorjahr, da Unternehmen den Zöllen vorgreifen wollten.

Im April löste die Ankündigung einer 90-tägigen Zollpause eine neue Kaufwelle aus. In der zweiten Jahreshälfte gingen die Importe zurück. Insgesamt blieb die Importdynamik in den Vereinigten Staaten jedoch stark: Auf Jahressicht stiegen die Einfuhren um 4,2 % und verlangsamten sich damit nur moderat gegenüber dem Wachstum von 5,2 % im Jahr 2024. Diese Entwicklung trug dazu bei, dass das US-Handelsdefizit bestehen blieb – obwohl dessen Verringerung eines der erklärten Ziele der US-Regierung im Rahmen ihrer Zollpolitik war.

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Diese Instabilität wirkte sich auf die Kosten des Seetransports aus. Im ersten Quartal reagierten die Frachtraten noch nicht, da die Reedereien einen Anstieg der Warenströme vor der Einführung der Zölle antizipiert hatten. Die zweite Nachfragwelle hingegen war nicht erwartet worden. In der Zwischenzeit hatten die Unternehmen ihre Kapazitäten auf transpazifischen Routen reduziert, da sie von einer anhaltenden Abschwächung ausgingen. In der Folge stiegen die Containerfrachtraten ab Anfang Mai 2025 innerhalb von vier Wochen um 70%, auf der Route Shanghai–Los Angeles sogar um fast 120%.

 

Die Stunde der "Brückenländer"

Die Zölle haben außerdem zu einer Neuordnung des Welthandels geführt – genauer gesagt, diese Entwicklung beschleunigt. Dabei rückten sogenannte Connector Countries erneut in den Fokus – ein Konzept, das bereits im Zuge des sino‑amerikanischen Handelskonflikts ab 2018 entstanden ist. Diese Länder fungieren als eine Art Bindeglied zwischen den Vereinigten Staaten und China, dem Hauptziel der Zolloffensive. Anders als in früheren Jahren wird die Auswahl dieser „Drehscheibenländer“ jedoch zunehmend auch durch relative Zollunterschiede bestimmt. In der Folge hat sich die Rolle bereits etablierter Connector Countries weiter verstärkt, da sie von günstigeren Zollsätzen profitieren als jene, die direkt auf China angewendet werden.

Ein herausragendes Beispiel ist Vietnam: Der Anteil Vietnams an den US-Importen stieg von 2% (2017) auf 4,2% (2024) – und allein 2025 um weitere 1,5 Prozentpunkte. Die Importe aus Vietnam stiegen um 42% und machten fast die Hälfte des Rückgangs der Importe aus China aus. Gleichzeitig legten chinesische Exporte nach Vietnam ähnlich stark zu – ein Hinweis auf seine Rolle als Zwischenstation.

Obwohl der Anstieg der US‑Importe aus Thailand nur halb so stark ausfiel, ging er ebenfalls mit einem Zuwachs der chinesischen Exporte in das Land einher. Die Rolle von Mexiko, das häufig als Connector Country genannt wird, ist dagegen weniger eindeutig: Zwar stiegen die Exporte in die Vereinigten Staaten im Jahr 2025 an. Allerdings fiel dieser Anstieg viermal so stark aus wie der Anstieg der chinesischen Exporte nach Mexiko, was seine Rolle als Vermittler relativiert.

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Quellen: US Census Bureau, Coface

 

Zukunft der Zollpolitik bleibt ungewiss

Die bisherigen Verwerfungen durch die US‑Zölle könnten erst der Auftakt gewesen sein. Am 20. Februar 2026 sorgte die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA, die unter Berufung auf den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) verhängten Zölle für ungültig zu erklären, für neue Unsicherheiten. Davon betroffen ist der Großteil der sogenannten „reziproken“ Zölle, die ursprünglich am Liberation Day angekündigt wurden, ebenso wie die sogenannten „Fentanyl-Zölle“ gegenüber Mexiko, Kanada und China.

Zölle nach Section 232 – die es dem Präsidenten erlaubt, Maßnahmen zu ergreifen, wenn bestimmte Importe als Bedrohung für die nationale Sicherheit gelten und die gezielt die Branchen Metall, Automobil und Holz betreffen – bleiben jedoch bestehen. Dasselbe gilt für die Zölle nach Section 301, die sich vor allem gegen China richten und größtenteils bereits während der ersten Amtszeit Donald Trumps eingeführt wurden. Allerdings könnten von den insgesamt 272 Milliarden US‑Dollar an Zolleinnahmen seit März 2025 rund 166 Milliarden US‑Dollar – die unter Berufung auf den IEEPA erhoben wurden – potenziell an die betroffenen US‑Unternehmen zurückerstattet werden.

Um die IEEPA‑Zölle zu ersetzen, griff das Weiße Haus rasch auf eine Übergangsmaßnahme (Section 122 des Trade Act von 1974) zurück, die es erlaubt, einen allgemeinen Zollsatz von 10% – anhebbar auf 15 % – zu erheben. Diese Regelung gilt bis zum 24. Juli und kann vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses verlängert werden. Darüber hinaus werden derzeit Schritte unternommen, um das vom Obersten Gerichtshof für ungültig erklärte Zollregime mithilfe anderer rechtlicher Instrumente nachzubilden. Dazu könnten insbesondere zusätzliche Zölle nach den Sections 232 und 301 zählen.

 

3 zentrale Erkenntnisse

In diesem Kontext lassen sich drei zentrale Erkenntnisse ableiten:

  1. Die US-Regierung bleibt entschlossen, ein aggressives Zollregime zu verteidigen. Eine rasche Lockerung der Maßnahmen – etwa um mögliche Preisschocks bei Energie infolge einer Krise in der Straße von Hormus abzufedern – käme daher einer spektakulären Kehrtwende gleich und wäre kaum mit der bisherigen politischen Linie vereinbar. Das „TACO“-Narrativ (Trump Always Chickens Out) erscheint in diesem Zusammenhang wenig plausibel.
  2. Die Trump‑Administration trägt durch den Rückgriff auf rechtlich wenig belastbare Argumente zu einer erhöhten Unsicherheit im Welthandel bei. Wenn selbst Zölle, die bereits seit fast einem Jahr in Kraft sind, wieder aufgehoben werden können – wann können wirtschaftliche Akteure das Zollregime dann überhaupt als stabil betrachten? Zudem sind die nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs angekündigten neuen Zölle ihrerseits rechtlich angreifbar, was die Unsicherheit weiter verstärkt.
  3. Es gibt keine Gewissheit, dass Unternehmen die Kosten weiterhin unbegrenzt selbst tragen, ohne einen wachsenden Anteil an die Verbraucher weiterzugeben. Die Möglichkeiten, Margen zu drücken oder Produktivitätsgewinne zu nutzen, sind begrenzt. Nach dem „Sprint“ der Zollerhöhungen im Jahr 2025 könnte der Handelskrieg nun in eine „Marathonphase“ übergehen: langsamer, langwieriger – und potenziell inflationärer

1 Gemessen anhand des vom Bureau of Labor Statistics (BLS) erstellten Unternehmensinputpreisindex (“Inputs to industry price indexes”)

 

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