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USA: „Reziproke Zölle“ fallen weg – die Unsicherheit bleibt

Der Oberste Gerichtshof in den USA hat am 20. Februar die von der Trump‑Administration verhängten „reziproken Zölle“ gekippt. Das ist ein bedeutender rechtlicher Rückschlag, ändert jedoch kaum etwas an der grundsätzlichen Handelspolitik der USA. Die Vereinigten Staaten halten weiterhin historisch hohe Zölle aufrecht, und das wirtschaftliche Umfeld bleibt für Unternehmen unberechenbar.

Zentrale Daten im Überblick

  • 14%: durchschnittlicher US‑Zollsatz nach der Entscheidung (vor 2025: 2,3%)
  • 150 Tage: maximale Dauer neuer temporärer Zölle auf Basis von “Section 122”

Die Entscheidung des Supreme Court ist ein politischer Rückschlag für die US‑Regierung. Trotzdem verfügt sie weiterhin über zahlreiche Hebel, um hohe Zölle beizubehalten – und damit die Unsicherheit für Unternehmen und den Welthandel zu verlängern

sagt Marcos Carias, Nordamerika-Volkswirt bei Coface. 

 

Begrenzte unmittelbare Effekte – aber historisch hohe Zölle bleiben bestehen 

Auch wenn das Urteil politisch und institutionell bedeutend ist, markiert es keinen Kurswechsel gegenüber der aktuellen US‑Handelsstrategie unter Donald Trump. Es betrifft ausschließlich Zölle, die auf dieser speziellen Rechtsgrundlage beruhten, und stellt andere bestehende Maßnahmen – insbesondere sektorspezifische – nicht infrage.

In den Stunden nach der Entscheidung kündigte die US‑Regierung an, sich auf "Section 122" des Trade Act von 1974 zu stützen, um neue vorübergehende Zölle einzuführen. Diese Bestimmung erlaubt es dem Präsidenten, Aufschläge von bis zu 15% für maximal 150 Tage zu erheben, wenn außenwirtschaftliche Störungen oder Ungleichgewichte auftreten. Derzeit wird ein zusätzlicher Satz von 10% angewendet.

Damit sinkt der durchschnittliche US‑Zollsatz zwar, liegt aber weiterhin bei rund 14% – deutlich niedriger als unter dem „reziproken“ System, aber immer noch weit entfernt von der Situation vor 2025, als der Durchschnittssatz lediglich 2,3% betrug. Faktisch bleiben die Vereinigten Staaten damit in einem der protektionistischsten Zollregime der vergangenen nahezu hundert Jahre. 

 

Gewinner, Verlierer und eine neu geordnete Risikolandschaft 

Das Ende der reziproken Zölle bedeutet keine einheitliche Entlastung. Die Auswirkungen unterscheiden sich stark – je nach US-Handelspartner und der jeweiligen Exportstruktur. 

Länder, deren Verkäufe auf dem US‑Markt stark auf Sektoren konzentriert sind, die unter die "Section 232"-Zölle fallen – also Stahl, Aluminium, Automobile und Industrieausrüstung – tragen weiterhin eine hohe Zollbelastung. Das gilt besonders für die Europäische Union, Japan und Südkorea, deren Industrieexporte in großem Umfang weiterhin von Zoll-Maßnahmen betroffen sind, die mit nationaler Sicherheit begründet werden. Auch die wichtigsten nordamerikanischen Partner, Kanada und Mexiko, bleiben in mehreren zentralen Industriesegmenten benachteiligt, obwohl sie durch das USMCA‑Abkommen teilweise geschützt sind. 

Umgekehrt profitieren einige Länder, die zuvor von besonders hohen „reziproken“ Zöllen betroffen waren, nun von einer relativen Entlastung, weil stattdessen ein Aufschlag von 10% nach "Section 122" angewendet wird. 

Mehrere Volkswirtschaften in Süd- und Südostasien – darunter Vietnam, Bangladesch und Sri Lanka – erleben dadurch einen deutlichen Rückgang ihrer Zollbelastung, da ihre Exporte weniger stark in den von "Section 232" erfassten Sektoren konzentriert sind. Diese Neuordnung verstärkt die Unterschiede zwischen den Handelspartnern der Vereinigten Staaten und erhöht die Komplexität einer globalen Handelslandschaft, die ohnehin zunehmend fragmentiert ist. 

 

Rechtliche und politische Unsicherheit hält an

Über die aktuelle 150‑Tage‑Frist hinaus sind viele Fragen offen. Eine Verlängerung der Zölle müsste der Kongress genehmigen – politisch heikel angesichts der anstehenden Midterm‑Wahlen. Zudem ist unklar, ob Zölle aus dem nun ungültigen System zurückerstattet werden müssen. Diese Verfahren könnten Jahre dauern und sorgen für anhaltende Unsicherheit bei Unternehmen, in Lieferketten und bei Investitionsentscheidungen. 


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