Mit dem Start der turnusgemäßen Überprüfung des Handelsabkommens USMCA stehen die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko vor anspruchsvollen Verhandlungen. Trotz zunehmender Meinungsverschiedenheiten zwischen den drei Partnern gilt eine grundlegende Abkehr von der nordamerikanischen Wirtschaftsintegration jedoch als unwahrscheinlich, da die industriellen Wertschöpfungsketten inzwischen eng miteinander verflochten sind.
Zentrale Daten im Überblick
- 51% der in die Vereinigten Staaten importierten Fahrzeuge stammen aus Kanada und Mexiko
- 60% der US-Rohölimporte kommen aus Kanada
- Exporte in die Vereinigten Staaten machen 30% des mexikanischen BIP und 17% des kanadischen BIP aus
USMCA vor schwierigen Verhandlungen
Am 1. Juli hat die erste offizielle Überprüfung des USMCA-Abkommens begonnen. Das Handelsabkommen war 2020 als Nachfolger der NAFTA1 in Kraft getreten. Was ursprünglich als routinemäßige Bestandsaufnahme gedacht war, findet nun jedoch in einem deutlich angespannteren handelspolitischen Umfeld statt.
Die US-Regierung drängt auf Nachverhandlungen in mehreren zentralen Bereichen. Im Fokus stehen die Ursprungsregeln für die Automobilindustrie, die Handelsbeziehungen zu China, der Zugang zum kanadischen Milchmarkt sowie bestimmte energiepolitische Maßnahmen Mexikos. Kanada und Mexiko dürften bei diesen Themen jedoch kaum zu weitreichenden Zugeständnissen bereit sein. Entsprechend zeichnet sich ein schwieriger und langwieriger Verhandlungsprozess ab.
Wirtschaftliche Verflechtungen erschweren einen Kurswechsel
Seit Inkrafttreten des USMCA hat sich der Handel zwischen den Vereinigten Staaten und ihren beiden Nachbarn deutlich intensiviert. Das Handelsvolumen mit Kanada und Mexiko stieg von rund 615 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 auf knapp 800 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022. Damit haben beide Länder China als wichtigsten Handelspartner der USA abgelöst.
Wie eng die Volkswirtschaften inzwischen miteinander verbunden sind, zeigt sich besonders in strategischen Branchen. Mehr als die Hälfte (51%) der in die USA importierten Fahrzeuge stammt aus Kanada oder Mexiko. Bei Fahrzeugteilen liegt der Anteil sogar bei 58%. Die Produktionsketten sind dabei so eng verzahnt, dass einzelne Komponenten während der Fertigung mehrfach – bis zu sieben Mal – die Grenze zwischen den USA und Mexiko überqueren, bevor ein Fahrzeug fertiggestellt wird. Ähnlich ausgeprägt sind die gegenseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor: Kanada deckt rund 60% der US-Rohölimporte ab.
Das macht deutlich: Die Verflechtungen nordamerikanischer Wertschöpfungsketten sind inzwischen so tiefgreifend, dass eine Abkehr für alle Beteiligten mit erheblichen Kosten verbunden wäre.
Inmitten des Handelskonflikts steigt die strategische Bedeutung des USMCA-Abkommens
Vor dem Hintergrund des anhaltenden Handelskonflikts zwischen den USA und wichtigen Handelspartnern gewinnt das trilaterale Abkommen weiter an Bedeutung. Für Unternehmen in Kanada und Mexiko ist die Einhaltung der USMCA-Vorgaben inzwischen der wichtigste Weg, um von Zollausnahmen zu profitieren. Waren, die den USMCA-Anforderungen entsprechen, bleiben von einem Großteil der Zölle verschont, die die US-Regierung in den vergangenen Jahren eingeführt hat.
Das verschafft beiden Ländern einen spürbaren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Handelspartnern der Vereinigten Staaten, insbesondere gegenüber China. Mit der Neuordnung globaler Lieferketten wird der privilegierte Zugang zum US-Markt für Kanada und Mexiko zu einem immer wichtigeren strategischen Standortfaktor.
Gleichzeitig verschärft diese Entwicklung die Spannungen rund um das Abkommen. Denn je größer die Vorteile für Kanada und Mexiko beim Zugang zum US-Markt werden, desto stärker wächst in Washington die Sorge, dass Unternehmen die US-Zölle über nordamerikanische Lieferketten umgehen könnten. Auch der weiterhin starke Einfluss Chinas auf bestimmte regionale Wertschöpfungsketten wird kritisch gesehen.
Deshalb drängen die USA auf schärfere Vorgaben innerhalb des USMCA. Besonders im Fokus stehen die Ursprungsregeln für die Automobilindustrie sowie die Handelsbeziehungen Kanadas und Mexikos mit China.
"Am wahrscheinlichsten bleibt ein pragmatischer Kompromiss"
Die Verhandlungen dürften sich bis ins Jahr 2027 ziehen. Die Positionen der drei Länder liegen aktuell weit auseinander, und auch die ersten vorbereitenden Gespräche haben bislang kaum zu einer Annäherung geführt.
Dennoch gilt ein vollständiger Rückzug der USA aus dem Abkommen als wenig wahrscheinlich. Ohne eine tragfähige Alternative würde ein solcher Schritt erhebliche Folgen für nordamerikanische Lieferketten haben und zahlreiche Industrien in allen drei Ländern belasten.
Am wahrscheinlichsten bleibt daher ein pragmatischer Kompromiss. Denkbar wären gezielte Zugeständnisse, die den strategischen Interessen aller Beteiligten Rechnung tragen und gleichzeitig die Grundlage für den regionalen Handel erhalten.
Die nun beginnenden Verhandlungen werden langwierig und konfliktträchtig. Die wirtschaftlichen Verflechtungen, die in Nordamerika über Jahrzehnte gewachsen sind, sind jedoch mittlerweile zu eng, um sie kurzfristig grundlegend infrage zu stellen.
Selbst wenn die Verhandlungen ins Stocken geraten, werden Kanada und Mexiko voraussichtlich ihren bevorzugten Zugang zum US-Markt behalten. Die wirtschaftlichen Kosten eines Scheiterns wären für alle drei Länder erheblich
sagt Marcos Carias, Volkswirt für die Region Nordamerika bei Coface.
1 - North American Free Trade Agreement: ehemaliges Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko, das 1994 in Kraft trat.




